Therapien bei Prostatakrebs: Zwischen OP und Strahlentherapie
Mit circa 75.000 Neuerkrankungen im Jahr 2025 ist Prostatakrebs in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern – Tendenz steigend. Dass es auch in der Region viele Betroffene gibt, zeigte das enorme Interesse am 20. Siegener Prostata-Symposium im „Haus der Siegerländer Wirtschaft“.
Aufgrund der Vielzahl an Teilnehmern wurden kurzerhand sogar noch weitere Stühle gestellt, und so konnten die Organisatoren – Dr. Peter Weib, Chefarzt der Urologie am Diakonie Klinikum, und Lothar Stock, Sprecher der Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe Siegen – gut 150 Zuhörer zur „kostenlosen Sprechstunde“ mit hochkarätigen Experten begrüßen.
Die gute Nachricht: Prostatakrebs kann heute im Frühstadium geheilt werden – sei es durch eine Operation oder mithilfe einer Strahlentherapie. Zwei Ansätze, die, wie Dr. Weib in seiner Moderation einleitend erläuterte, früher ein Stück weit zueinander in Konkurrenz standen. „Heute ergänzen sie sich in vielfacher Hinsicht zum Wohl der Patienten.“ Doch wann ist welche Therapie anzuraten? Wie läuft sie ab? Und wo sind die Grenzen bei einer OP, wo bei einer Bestrahlung?
Über Möglichkeiten der modernen, robotergestützten Prostatachirurgie informierte zunächst Dr. Mahmoud Farzat. Als Chefarzt leitet er gemeinsam mit Dr. Weib die Urologie im „Stilling“ und zugleich das von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Prostatakrebszentrum am Diakonie Klinikum. Unter seiner Ägide wurden seit 2019 etwa 2500 Eingriffe an Prostata, Blase, Harnwegen und Niere mit dem OP-Roboter „Da Vinci“ durchgeführt. Dabei können die Chirurgen die Instrumente von einer Konsole aus mithilfe einer dreidimensionalen Kamera millimetergenau steuern und filigranste Schnitte sicher und präzise setzen. Vorteile für die Patienten: weniger Komplikationen, Blutverlust und Schmerzen, dafür eine schnellere Heilung. „Heute werden etwa 60 Prozent der Prostatakrebs-Fälle operiert, davon 90 Prozent mit Roboter“, so Dr. Farzat.
Dabei kommen stetig neue Systeme auf den Markt, wie der Experte erläuterte. Doch nicht nur hier schreitet die Technologie mit Riesenschritten voran: Modernster Telechirurgie mithilfe von Robotertechnologie und Hochgeschwindigkeits-Kommunikation (oft 5G) ermöglicht heute sogar Operationen über weite Distanzen: So wurde unlängst ein Krebspatient in Angola erfolgreich von einem mehr als 11.000 Kilometer entfernten Spezialisten aus den USA operiert.
Der medizinische Fortschritt zeigt sich aber auch direkt vor Ort: So stellte Dr. Farzat anhand von Videos eine neue Methode im Zuge einer roboterassistierten radikalen Prostatektomie bei Prostatakrebs vor, von der am „Stilling“ bereits mehrere Patienten profitieren konnten. Bei dem ein- bis eineinhalbstündigen Eingriff kann die Harnröhre, die im Zuge der vollständigen Entfernung der Prostata in der Regel bislang „mitgeopfert“ werden musste, erhalten werden. „Neben der Tumorfreifreiheit ist das Ziel, die Kontinenz und Erektionsfähigkeit des Patienten zu bewahren“, so Dr. Farzat. „Voraussetzung ist, dass der Tumor nicht zu weit fortgeschritten ist.“
Dass auch die Strahlentherapie vielfache Möglichkeiten bietet, Prostatakrebs hocheffektiv und für den Patienten zugleich schonend zu behandeln, erläuterte Dr. René Baumann, Chefarzt der Radioonkologie am St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Die dort angeschlossene radiologische Praxis ist externer Behandlungspartner des Prostatakrebszentrums am Diakonie Klinikum. Der Experte stellte einige der modernsten Verfahren vor und verdeutlichte, dass sich insbesondere die sogenannten perkutanen Methoden – das sind jene, bei denen der Krebs „von außen“, also durch die Haut bestrahlt wird – deutlich verbessert haben. Mithilfe der intensitätsmodulierten Strahlentherapie (IMRT) oder auch der Protonentherapie (PBT) lässt sich Tumorgewebe inzwischen so gezielt bekämpfen, dass umliegende Organe nicht beeinträchtigt werden. Es handelt sich hierbei jeweils um ambulante Behandlungen über einen mehrwöchigen Zeitraum. Eine relativ neue Methode, die ebenfalls sehr präzise auf gut- und bösartige Tumoren abzielt, ist zudem die Radiochirurgie – häufig auch „Cyberknife“ genannt, da sie mit einem „Messer aus Strahlen” gegen bösartige Tumoren vorgeht. Laut Dr. Baumann haben sich aber nicht nur die strahlentherapeutischen Verfahren enorm weiterentwickelt, sondern auch die bildgebende Diagnostik: „Die Maschinen wie auch die Bilder werden immer besser, genauer und intelligenter.“
Im Anschluss an den Vortrag hatten die Zuhörer Gelegenheit, Fragen zu stellen und machten davon rege Gebrauch. OP oder Bestrahlung? Studien zeigen, dass beide Optionen ähnlich hohe Heilungschancen bieten, jedoch mit unterschiedlichen potenziellen Komplikationen und Nebenwirkungen einhergehen. Überdies kann auch eine Kombination angezeigt sein – zum Beispiel, wenn einer OP eine Bestrahlung nachgelegt wird, um das Rückfallrisiko zu minimieren. Letztlich sind für die Wahl der Therapie mehrere Faktoren entscheidend: Neben Lage und Stadium des Tumors sind dies vor allem das Alter sowie der allgemeine Gesundheitszustand und nicht zuletzt auch die persönliche Präferenz des Patienten. Idealerweise, so Dr. Weib, sollte die Entscheidung von qualifizierten und spezialisierten Fachärzten in einer Tumorkonferenz getroffen werden. Freilich gibt es auch am Diakonie Klinikum eine solche interdisziplinäre Expertenrunde, die für Krebspatienten maßgeschneiderte Therapiepläne entwickelt.
Das Prostatazentrum am „Stilling“ zählt laut Dr. Weib zu den größten bundesweit, und die Zahlen, die Dr. Farzat vorstellte, dürften vielen Männern Mut machen: Denn in mehr als 97 Prozent der Fälle sind die Patienten tumorfrei und kontinent. Auch kann dank nervenschonender Techniken bei immer mehr Betroffenen die Potenz erhalten werden. Das A und O ist jedoch, dass die Krebserkrankung beizeiten erkannt wird. Früherkennungsuntersuchungen werden ab einem Alter von 45 Jahren empfohlen, bei familiärer Disposition auch schon früher. Lothar Stock von der Selbsthilfegruppe richtete einen klaren Appell: „Männer, geht zur Früherkennung, nehmt eure Erkrankung in die Hand. Je früher ein Krebs entdeckt wird, desto besser kann man ihn heilen.“
Mehr Infos zur Selbsthilfegruppe unter www.prostatakrebs-siegen.de oder Tel. 02735/5260.
