Pflege-Azubis machen sich für Notfälle im Seniorenheim fit
Im Siegener Sophienheim kamen nun rund 40 Pflegeschüler der Diakonischen Altenhilfe Siegerland zusammen, um in einem Lehrgang wichtige Abläufe und das richtige Verhalten in Notfallszenarien einzuüben.
Frau Müller ist heute nicht zum Mittagessen gekommen. Im Seniorenheim gibt dies Anlass zur Sorge, denn beim Frühstück war die Bewohnerin noch erschienen. Als eine Mitarbeiterin nach ihr schaut, erkennt sie schnell den Ernst der Lage: Frau Müller sitzt apathisch in ihrem Rollstuhl, ihr Mundwinkel und das rechte Augenlid hängen, und auch der rechte Arm wirkt wie gelähmt. Auf Ansprache reagiert die Seniorin zwar, doch ihre Worte klingen schwach, verwaschen, undeutlich. Der Pflegerin ist sofort klar: Dies könnte ein Schlaganfall sein!
Situationen wie diese „nicht planbar“
Was in diesem Fall dramatisch klingt, ist zum Glück nur eine Übung. Im Siegener Sophienheim sind an diesem Tag erstmals rund 40 Pflegeschüler der Diakonischen Altenhilfe Siegerland zusammengekommen, um in mehreren Gruppen wichtige Abläufe und das richtige Verhalten in zuvor streng geheim gehaltenen Notfallszenarien einzuüben. Fachlich begleitet werden sie von ihren Praxisanleitern sowie von Einsatztrainern des DRK-Rettungsdienstes Siegen-Wittgenstein. Mit dabei sind auch drei Azubis des DRK: Sie lernen die Notfallsituationen sozusagen „von der anderen Seite“, der Leitstelle, kennen. Ob ein Bewohner gestürzt ist und sich verletzt hat, ob eine bekannte Symptomatik sich rasch verschlechtert oder sogar ein internistischer Notfall zu vermuten ist: „Situationen wie diese sind nicht planbar, können in einem Pflegeheim aber natürlich jederzeit passieren“, sagt Ralf Damjancic, der als koordinierender Praxisanleiter bei der Diakonischen Altenhilfe Siegerland den ganztägigen Lehrgang zusammen mit Praxisanleiterin Zeynep Önlü und Viktoria Steiner, Schulungsleiterin beim DRK Siegen-Wittgenstein, vorbereitet hat. „Dann ist wichtig, dass umgehend und überlegt gehandelt wird.“
Und genau das macht Eileen Meiswinkel. Die Pflegeschülerin hat im Fallbeispiel die Rolle der Pflegefachkraft übernommen und leitet nun – unter den prüfenden Blicken ihrer Gruppe – Schritt für Schritt alle notwendigen Maßnahmen ein, um „Frau Müller“ (gemimt von Azubi Phuong Vu) zu helfen. Dass es sich hier mutmaßlich um einen Schlaganfall handelt, hat sie anhand des sogenannten BEFAST-Tests schnell erkannt. Die sechs Buchstaben stehen für Balance (Gleichgewicht), Eyes (Augen), Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). Sie dienen als Leitschema, um zu überprüfen, ob jemand möglicherweise einen Schlaganfall erlitten hat. Weil bei Frau Müller typische neurologische Anzeichen auftreten, hat Eileen Meiswinkel sofort einen Notruf abgesetzt. Die Zeit bis zum Eintreffen der Notfallsanitäter nutzt sie, um Vitalwerte wie Blutdruck, Puls, Körpertemperatur und auch den Blutzucker zu messen. Vor allem aber versucht sie, Frau Müller in dieser beängstigenden Situation zu beruhigen, indem sie der Seniorin gut zuredet. „Machen Sie genau das, was ihre Aufgabe ist“, empfiehlt Praxisanleiterin Britta Heinrich, „seien Sie für die Bewohnerin da! Und holen Sie sich möglichst Unterstützung hinzu!“
Klare Kommunikation ist gefragt
Nach einigen Minuten trifft der Rettungsdienst ein. Jetzt ist klare Kommunikation gefragt, denn auf dem Weg ins Krankenhaus zählt jede Minute. Eileen Meiswinkel schildert kurz und bündig, in welchem Zustand sie Frau Müller angetroffen hat, gibt den Notfallsanitätern Auskunft zu Vorerkrankungen und Vitalwerten. Dazu händigt sie den Pflegeüberleitungsbogen aus – ein in Notfallsituationen essenzielles Dokument, das neben den Stammdaten des Patienten Angaben zu Gesundheitszustand, Pflegebedarf, Medikation und Allergien beinhaltet, ebenso zu kontaktierenden Angehörigen oder betreuenden Personen sowie darüber, ob eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht vorliegt. Der Überleitungsbogen soll helfen, Informationsverluste und Pflegefehler möglichst zu verhindern und eine lückenlose Versorgung zwischen Pflegeheim, Rettungsdienst und Krankenhaus zu gewährleisten, macht Einsatztrainer Thomas van Werth den Azubis deutlich: „Schließlich ist es unser gemeinsamer Job alles dafür zu tun, dass der Patient möglichst gute Chancen hat.“ Dass solche Ausnahmesituationen gleichwohl immer wieder konfliktbeladen sind, weiß Ralf Damjancic, der bei der Diakonischen Altenhilfe auch im Qualitätsmanagement tätig ist. Der Lehrgang soll aus seiner Sicht daher „wechselseitiges Verständnis wecken, damit im Notfall alle Beteiligten professionell handeln“.
Ein Sturz im Treppenhaus
Szenario Nummer zwei an diesem Tag trifft die Teilnehmer gleichfalls unerwartet: Eine Bewohnerin, Frau Ernst, 84, ist im Treppenhaus gestürzt. Azubi Xuan Da Dang, in der Rolle des Pflegers im Spätdienst, findet die Seniorin in hilfloser Lage. Sie hat offenbar starke Schmerzen an der Hüfte, ihre Atmung ist beschleunigt, sie öffnet ihre Augen nur auf Ansprache wirkt desorientiert. Auch für diesen Fall gibt es festgelegte Abläufe. Das in der Notfallmedizin gängige xABCDE-Schema etwa priorisiert die Behandlung nach Dringlichkeit: Liegen Blutungen vor? Sind die Atemwege frei und atmet der Patient hinreichend? Wie sind sein Puls und sein Blutdruck? Ist er bei Bewusstsein? Wie zeigen sich Pupillenreaktion und Blutzucker? Lassen sich am Körper Verletzungen und Hämatome erkennen? Eine weitere Merkregel, die speziell für die Anamnese bei gestürzten älteren Menschen verwendet wird, ist das SPLATT-Schema. Es soll dabei helfen, die Sturzursache zu klären und verdeckte Verletzungen zu identifizieren. Angeleitet von Einsatztrainerin Nicola Schäfer geht die Gruppe die einzelnen Maßnahmen durch. Schließlich hat auch in diesem Fall eine reibungslose Übergabe an den Rettungsdienst höchste Priorität. Doch Xuan Da Dang hat alles richtig gemacht: Er hat Frau Ernst erstversorgt, ihre Vitalwerte gemessen – und sich aus dem Team Unterstützung geholt, um den Notfallsanitätern alle notwendigen Dokumente fürs Krankenhaus an die Hand geben zu können.
Notfalltraining für den Alltag
Der Tag im Sophienheim ist mit den Fallbeispielen jedoch längst nicht vorbei. Was tun, wenn ein Bewohner plötzlich keine Luft mehr bekommt, weil er sich beim Essen verschluckt hat? Diesen Notfall, im Fachjargon Bolusgeschehen genannt, proben die Teilnehmer beim Skills-Training mit Markus Epple. Danach lernen die Pflegeschüler, wie man sauber einen Kopfverband anlegt oder eine klaffende Wunde am Arm versorgt – aus der in diesem Fall reichlich Kunstblut strömt.
Begonnen hatte der Lehrgang am Morgen mit einem kurzen theoretischen Teil, in dem Basiswissen vermittelt wurde. Nun am späten Nachmittag, als sich der spannende Workshop seinem Ende zuneigt, gibt es von den Azubis jede Menge Lob. Und auch Ralf Damjancic für die Diakonische Altenhilfe und Viktoria Steiner für das Team des DRK-Rettungsdienstes ziehen ein positives Fazit und wollen der Premiere gerne Wiederholungen folgen lassen. Im Sophienheim, so kündigt Einrichtungsleiter Pasquale Sting an, „stehen die Türen dafür wieder gerne offen“.
