Netzwerktag "Straßenkrönchen": Zugang zu Hilfen erleichtern
Gemeinsame Impulse für die Wohnungslosenhilfe in Siegen: Das stand im Fokus beim ersten Netzwerktag „Straßenkrönchen“. Akteure aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Praxis trafen sich hierzu bei den Diakonie Sozialen Diensten.
Da ist der junge Mann mit fremdem Akzent, der in der Beratungsstelle „abblitzt“, weil er schon sechs Jahre in Deutschland lebt. Oder die deutsche Rentnerin, die sich ihre Wohnung nach Sanierung und Mieterhöhung nicht mehr leisten kann. Oder der junge Erwachsene, der nach einem Konflikt mit den Eltern zu Hause rausfliegt und abrupt in die Wohnungslosigkeit abrutscht. Gründe für den sozialen Abstieg gibt es viele. Warum für solche Menschen in Multiproblemlagen der Zugang zu den benötigten Hilfen oft erschwert ist und wie man die Inanspruchnahme erleichtern kann, darum ging es beim ersten Netzwerktag der Wohnungslosenzeitschrift „Straßenkrönchen“ auf dem Gelände der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Südwestfalen in Siegen. Akteure aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Praxis diskutierten Möglichkeiten und Grenzen des bestehenden Systems, formulierten aber auch gemeinsame Forderungen zur Verbesserung der Situation. Moderiert wurde die Veranstaltung von Susanne El Hachimi-Schreiber.
Der Zugang zu Hilfen und damit auch die Teilhabe an der Gesellschaft ist auch ein Anliegen des „Straßenkrönchens“, das es seit nunmehr zwei Jahren in Siegen gibt. Das als Teilhabeprojekt aus einer Schreibwerkstatt erwachsene Printprodukt gibt Menschen eine Stimme, die am Rande der Gesellschaft stehen. „Für uns ist das Straßenkrönchen eine Brücke zurück in die Gesellschaft. Als Träger bieten wir das schützende Fundament, auf dem solche Partizipationsprojekte erst wachsen können“, betonte Dr. Christian Stoffers, Geschäftsführer der Diakonie Soziale Dienste. Zugleich richtete er seinen Dank an den Förderverein der diakonischen Wohnungslosenhilfe „Gegen Armut Siegen“, ohne den es das „Straßenkrönchen“ gar nicht gäbe und der die Einrichtungen und Dienste der Wohnungslosenhilfe seit 2009 kontinuierlich unterstützt.
Café Patchwork: Ruheoase und wichtige Anlaufstelle für Menschen in Not
Fördervereinsvorsitzender Pfarrer Günther Albrecht betonte die Einzigartigkeit des Café Patchwork mit seinem großen Leistungsspektrum. Viele Menschen, die hierherkämen, bezeichneten das Café als „Oase“, als einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen könnten. Er lud die Anwesenden ein, sich das Café auch persönlich anzusehen. Eine Einladung, die auch Siegens Bürgermeister Tristan Vitt gerne annahm, der sowohl in seinem Grußwort als auch mit seinen Beiträgen in der Podiumsdiskussion unterstrich, dass er sich als Bürgermeister dafür einsetzen werde, die wertvolle Arbeit der Wohnungslosenhilfe der Diakonie weiterhin zu unterstützen. „Das Café Patchwork ist eine wichtige Anlaufstelle für Menschen in Not. Als Stadt Siegen beteiligen wir uns trotz der schwierigen Haushaltslage bewusst an der Finanzierung dieser wertvollen Arbeit“, so Vitt.
Dass es für Betroffene oft schwer ist, passende Angebote zu finden, zeigte Professorin Dr. Bettina Ritter auf. Angebote seien nur dann wirksam, wenn sie an den individuellen Bedürfnissen der Menschen anknüpften und sie als selbstbestimmte Akteure ernst nähmen. „Es mangelt tatsächlich nicht an Angeboten“, so die Wissenschaftlerin von der Universität Siegen. Entscheidend sei vielmehr, ob die Hilfen passend gestaltet seien und bei den Menschen ankämen.
Erklärtes Ziel: Hürden abbauen
Hürden bei der Inanspruchnahme von Hilfen und Beratung entstünden durch Sprache, Scham, Misstrauen, Angst, aber auch digitale Verfahren oder komplexe Zuständigkeiten. Darüber waren sich die Experten der Podiumsdiskussion aus den Bereichen Wissenschaft, Praxis und Politik einig. Abhilfe schaffen könnten eine zentrale Lotsenfunktion, verbindlichere Schnittstellen sowie ausreichend ausgestattete Hilfen, so die zentrale Forderung der Praktiker, vertreten durch die beiden Diakonie-Sozialarbeiter Bettina Klein und Johannes Schmidt. Auch Professorin Ritter sah darin einen wichtigen Ansatz. Die Problematik der komplexen Zuständigkeit konnte auch Bürgermeister Vitt nachvollziehen. Zugleich betonte er, dass er die Mitarbeiter der jeweiligen Dezernate als sehr engagiert erlebe, auch wenn es durchaus Verbesserungsbedarf gebe. Den Wunsch nach einer Lotsenfunktion in der Verwaltung nahm Vitt als Anregung mit.
Trotz der bestehenden Herausforderungen machte Bettina Klein in ihrem Schlusswort auch Hoffnung und Mut: Vor Ort gebe es eine „Allianz der Willigen“ – Menschen und Institutionen, die sich trotz schwieriger Rahmenbedingungen gemeinsam für Lösungen einsetzten. Genau diese Vernetzung könne helfen, Barrieren abzubauen und Unterstützung dort ankommen zu lassen, wo sie gebraucht werde. Zugleich erinnerte Klein daran, dass soziale Arbeit immer auch Beziehungsarbeit sei. Es gehe um Menschen, die Hilfe suchten und erst in einer verlässlichen Beziehung wieder Vertrauen in das eigene Handeln gewinnen könnten. Dieses Vertrauen zu stärken, ist auch ein Anliegen des Projektteams „Straßenkrönchen“ rund um Adrian Stötzel: „Wir möchten nicht einfach über Menschen schreiben, sondern ihnen die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen und zu Wort zu kommen. Es geht um persönliche Geschichten, ungewöhnliche Perspektiven, Kreativität, Humor und vor allem geht es um Menschen.“
Die Organisatoren zogen nach dem ersten Netzwerktag eine positive Bilanz. Der Austausch habe gezeigt, dass es nicht nur passende und ausreichend ausgestattete Hilfen braucht, sondern auch Menschen, die Brücken bauen, Zuständigkeiten überwinden und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Der Netzwerktag habe dafür einen wichtigen Impuls gegeben und gezeigt, dass es vor Ort bereits viele gibt, die daran arbeiten.
