Nackenschmerzen und die Suche nach dem Auslöser
Nackenschmerzen und die schwierige Suche nach dem Auslöser waren Thema beim Siegener Forum Gesundheit in der Cafeteria des Diakonie Klinikums Jung-Stilling, wo Neurochirurg Dr. Johannes Dillmann die Fragen der Zuhörer beantwortete.
Nackenschmerzen begleiten zahlreiche Menschen im Alltag. Etwa jeder dritte Mensch in Deutschland ist mindestens einmal pro Jahr davon betroffen. Wie vielfältig die Ursachen und Therapiemöglichkeiten sein können, erläuterte Oberarzt Dr. Johannes Dillmann, Leiter der konservativen Neurochirurgie und ärztlicher Osteopath, beim Siegener Forum Gesundheit in der Cafeteria des Diakonie Klinikums Jung-Stilling in Siegen. Die Veranstaltung wurde von der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie in Südwestfalen organisiert.
Der Spezialist verglich die Entstehung von Nackenschmerzen mit einem Suppentopf: Viele unterschiedliche Faktoren wirken gleichzeitig auf den Nacken ein. Irgendwann „läuft der Topf über“, und Beschwerden treten auf. Aufgabe des Arztes sei es, die entscheidende „Hauptzutat“ zu finden. Er machte deutlich, dass Nackenschmerzen keine eigenständige Diagnose, sondern ein Symptom mit zahlreichen möglichen Auslösern sind. „Die Halswirbelsäule besteht aus einem komplexen Zusammenspiel von Knochen, Gelenken, Bändern, Muskeln, Faszien und Nerven“, erklärte Dillmann. „Beschwerden können daher an unterschiedlichen Stellen entstehen und sich gegenseitig beeinflussen.“ Häufige Ursachen sind verspannte oder überlastete Muskeln, die auf Fehlhaltungen, Bewegungsmangel oder dauerhafte Belastungen reagieren. Auch Faszien – das Bindegewebsnetzwerk des Körpers – können durch Verklebungen oder Reizzustände Schmerzen verursachen und die Beweglichkeit einschränken. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zunehmend, wie eng die verschiedenen Körperregionen über dieses Netzwerk miteinander verbunden sind. „Spannungen in einem Bereich können sich deshalb auch an anderen Körperstellen bemerkbar machen“, so der Neurochirurg und Osteopath. Diese Zusammenhänge spielen sowohl in der Osteopathie als auch in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eine wichtige Rolle. Dr. Dillmann erläuterte, dass bereits vor Jahrtausenden beobachtet wurde, dass Reize an bestimmten Körperpunkten Auswirkungen auf andere Regionen haben können. So können beispielsweise Akupunkturpunkte am Fuß Einfluss auf Beschwerden im Nacken nehmen. Während die TCM solche Effekte über sogenannte Meridiane – Leitbahnen eines Energienetzwerks, das den gesamten Organismus durchzieht – erklärt, sucht die moderne Medizin nach anatomischen und neurophysiologischen Ursachen. Für Dr. Dillmann schließen sich beide Sichtweisen nicht aus, sondern können sich sinnvoll ergänzen.
Neben muskulären und faszialen Ursachen können auch Veränderungen an Wirbelgelenken oder Bandscheiben Beschwerden im Nacken hervorrufen. Verschleiß, Entzündungen oder Fehlbelastungen reizen schmerzempfindliche Strukturen. „Werden Spinalnerven durch Bandscheibenvorfälle oder knöcherne Einengungen bedrängt, können die Schmerzen bis in Schulter, Arm oder Hand ausstrahlen“, so der Experte.
Die Diagnostik gestaltet sich oft schwierig, da viele Strukturen im Halsbereich eng miteinander verbunden sind und ähnliche Schmerzsignale erzeugen. Bildgebende Verfahren wie Röntgen oder MRT liefern nicht immer eindeutige Antworten. Deshalb sind eine gründliche klinische Untersuchung und eine ausführliche Anamnese entscheidend, um die tatsächliche Ursache zu erkennen. Ein weiterer Aspekt sind die komplexen Verbindungen des Nervensystems. Über Rückenmark und vegetatives Nervensystem stehen innere Organe mit Nervenstrukturen in Verbindung, die auf derselben Ebene wie Bereiche der Halswirbelsäule verschaltet sind. Dadurch können Beschwerden anderer Körperregionen gelegentlich als Nackenschmerzen wahrgenommen werden. Umgekehrt können Nackenschmerzen Begleitsymptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Beschwerden im Schulterbereich auslösen. Auch psychische Belastungen wie anhaltender Stress, Sorgen oder emotionale Anspannung können dazu beitragen, dass das Nervensystem Schmerzreize stärker wahrnimmt und verarbeitet. „Die körpereigenen Mechanismen, die normalerweise unwichtige Reize filtern oder Schmerzen dämpfen, funktionieren dann weniger effektiv. Dadurch können Beschwerden entstehen oder bestehende Nackenschmerzen verstärkt werden.“
Nicht jede Ursache erfordert einen operativen Eingriff. Entscheidend sei vielmehr, Auslöser möglichst genau zu identifizieren und die Therapie entsprechend anzupassen. „Je nach Befund kommen Physiotherapie, manuelle Medizin, Osteopathie, Akupunktur oder neurochirurgische Behandlungen infrage“, sagte Dillmann.
