Innovative Wege bei Inkontinenz
Unter Harninkontinenz leiden in Deutschland Schätzungen zufolge 25 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer. Im Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen haben Experten der Urologie und Gynäkologie bei einem Arzt-Patienten-Seminar die breite Palette an konservativen und operativen Behandlungsmaßnahmen vorgestellt.
Die Fachleute referierten im Rahmen der weltweiten Kontinenz-Woche und beantworteten die Fragen der Gäste.
Mit dem Begriff Harninkontinenz wird der ungewollte Verlust von Urin beschrieben. Hierbei geht es nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um ein Symptom, das verschiedene Ursachen hat. Hierzu zählen unter anderem ein schwaches Bindegewebe, neurologische Erkrankungen und erfolgte Operationen an der Prostata. Frauen sind aufgrund ihres anatomischen Beckenaufbaus häufiger von einer Harninkontinenz betroffen als Männer. Schwangerschaften und Geburten gelten als zusätzliche Risikofaktoren. Erschlafft die Beckenbodenmuskulatur, führt das häufig zu einer Senkung der Beckenorgane wie Blase, Gebärmutter oder Darm, und es kann zu einem unwillkürlichen Harnabgang kommen. Betroffene verspüren unter anderem einen „nach unten ziehenden“ Druck, häufigen Harndrang und ein Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung. Dr. Mahmoud Farzat, Chefarzt der Urologie, erläuterte in seinem Vortrag: „Nicht jede Frau muss gleich operiert werden. Im Fokus stehen zunächst die konservativen Möglichkeiten.“ Bei leichten Formen der Beckenbodensenkung, so Farzat, können konstantes Beckenbodentraining zur Stärkung des Schließmuskels, eine Gewichtsreduktion, Hormontherapien sowie Medizinprodukte zur Stützung der Beckenorgane helfen. Reichen diesen Maßnahmen nicht aus, kann eine Organsenkung chirurgisch per Sakrokolpopexie korrigiert werden. Farzat: „Bei dem minimalinvasiven Verfahren werden die abgesunkenen Beckenorgane über kleine Bauschnitte in die natürliche Position angehoben und mithilfe eines Kunststoffnetzes dauerhaft am Kreuzbein fixiert.“
Weitere sich für Frauen anbietende OP-Möglichkeiten stellte Dr. Osama Shamia, Facharzt für Gynäkologie in Kreuztal und Leiter der Urogynäkologie am Diakonie Klinikum, vor. So wird beispielsweise bei der Kolporrhaphie das erschlaffte Gewebe zwischen Vagina und Blase gestrafft und vernäht, um den Harnblasenhals zu stützen. Eine andere Methode ist die TVT-Operation (Tension-free Vaginal Tape, zu Deutsch: spannungsfreies Vaginalband). Minimalinvasiv wird hier ein spannungsfreies Kunststoffband unter die mittlere Harnröhre gelegt, um die Blase anzuheben und fortwährend zu stützen. Shamia verdeutlichte: „Die Erfolgsrate einer solchen Schlingenoperation liegt bei 80 Prozent.“ Eine weitere Möglichkeit ist die Injektion von Botulinumtoxin (Botox). Während einer Blasenspiegelung wird das Medikament über eine dünne Nadel in den Blasenmuskel verabreicht. „Die überaktive Harnblase wird auf diese Weise entspannt, und sie kann mehr Urin über einen längeren Zeitraum speichern“, so Shamia. Allerdings, so der Facharzt, lässt der Therapieeffekt nach sechs bis zwölf Monaten wieder nach, was eine Wiederholung dieser Behandlung erfordert.
Bei Männern steht eine Harninkontinenz meist im Zusammenhang mit der Prostata. Häufige Auslöser sind fortgeschrittenes Alter, Eingriffe an der Prostata sowie Verletzungen am Gehirn oder an den Nerven. Ibrahim Al Taie ist im Diakonie Klinikum Jung-Stilling als Oberarzt mit dem Schwerpunkt funktionelle Urologie tätig. Er erläuterte, dass der Einsatz eines Blasenschrittmachers – nach Versagen der konservativen Therapie – bei Männern mit neurologischen Blasenentleerungsstörungen eine etablierte Behandlungsmethode darstellt. „Das Implantat reguliert über sanfte elektrische Impulse die Nervensignale, die die Harnblasenfunktion steuern“, so Al Taie. Bei der Belastungsinkontinenz des Mannes kann zudem ein künstlicher Schließmuskel zum Einsatz kommen. Dabei wird in einem kleinen chirurgischen Eingriff ein mit Flüssigkeit gefülltes Silikonkissen ringförmig um die Harnröhre platziert. Dieses System dient dazu, die Harnröhre von außen zu stützen und so die Kontinenz wiederherzustellen.
Wie die Digitalisierung heute Menschen mit Harninkontinenz helfen kann, skizzierte Katharina Dahmen, Produktmanagerin der Firma Gedeon und Richter. Sie präsentierte eine App, die ergänzend zu einer ärztlichen Behandlung im Alltag Abhilfe schaffen kann. „Die digitale Gesundheitsanwendung können Sie sich von Ihrem Arzt verordnen lassen. Das Rezept reichen Sie bei Ihrer Krankenkasse ein.“ Die Anwendung erinnert ans Beckenbodentraining, bietet mit Videoanleitungen Übungen an und vermittelt Wissen.
Abschließend stellte Bernd Ginsberg, Geschäftsführer vom Sanitätshaus „begiCare57“, moderne Hilfsmittel zur Versorgung bei Inkontinenz vor. Von Klebewindeln über Beinbeutel bis hin zu Kathetersystemen gab er Tipps für das richtige Vorgehen mit den Produkten. Dabei richtete er einen Appell an die Gäste: „Lassen Sie sich für die korrekte Nutzung der Inkontinenzmittel fachlich beraten, beispielsweise in einem qualifizierten Sanitätshaus.“
