Immunsystem – Wunderwaffe gegen Krebs
Wie das Immunsystem Krebszellen bekämpfen kann, stand beim Siegener Forum Gesundheit im Fokus. Im Diakonie Klinikum Jung-Stilling informierte Prof. Dr. Ralph Naumann vor rund 50 Interessierten über die Möglichkeiten der Immunonkologie.
Das Immunsystem ist eines der komplexesten Systeme des menschlichen Körpers. Es ist in der Lage, Bakterien und Viren, aber auch Krebszellen als schädlich zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Fähigkeit macht sich die Immunonkologie im Kampf gegen Krebs zu nutze. Dank intensiver Forschung ist sie neben lang bewährten Therapieoptionen wie Operationen, Chemo- und Strahlenbehandlung zu einer der wichtigsten Säulen in der Krebstherapie geworden. Für Prof. Dr. Ralph Naumann ist die Immunonkologie ein sich rasant entwickelndes Feld mit großen Zukunftsaussichten. Beim Siegener Forum Gesundheit, organisiert von der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie in Südwestfalen, referierte der Chefarzt der Medizinischen Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin vor rund 50 Interessierten in der Cafeteria des Diakonie Klinikums Jung-Stilling in Siegen. Dabei gab der Mediziner einen Überblick über Möglichkeiten und Wirkungsweise der Immuntherapie im Kampf gegen Krebs.
„Die Immunonkologie hat die Krebsbehandlung in den letzten Jahren revolutioniert, aber ihr Erfolg hängt stark von der Krebsart, dem Stadium und individuellen Faktoren ab“, sagte Prof. Naumann. Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie richten sich direkt gegen den Krebs. Doch ihre Wirkung beeinträchtigt nicht nur die Krebszellen, sondern auch körpereigenes und gesundes Gewebe. Bei einer klassischen Chemotherapie kommt es mitunter zu starken Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall oder Infektanfälligkeit. Im Unterschied dazu greift die Immunonkologie nicht den Tumor selbst an, sondern nutzt die natürlichen Fähigkeiten des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem), um Krebszellen zu bekämpfen. „Sie ist zwar häufig besser verträglich, hat aber andere Nebenwirkungen“, machte Naumann klar.
Bei der Immunonkologie werden insbesondere sogenannte T-Lymphozyten so stimuliert, dass sie Tumorzellen identifizieren und zerstören können. Diese T-Lymphozyten oder T-Zellen spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze, als auch bei der Beseitigung anderer körperfremder Stoffe. Darüber hinaus helfen sie bei der Regulation der Immunabwehr und können andere Zellen des Immunsystems aktivieren, um zum Beispiel Antikörper zu bilden und zu verhindern, dass die Immunantwort zu heftig ausfällt. „Durch eine Aktivierung solcher Zellen soll das Abwehrsystem verstärkt in der Lage sein, entartete Zellen zu erkennen und zu zerstören und damit das Wachstum des Tumors hemmen“, erklärte der Experte. „Aber Krebszellen können sich manchmal verstecken oder das Immunsystem austricksen, sodass es sie nicht angreift und sie ungehindert im Körper wachsen können. Die Immunonkologie nutzt Medikamente, um diese Tricks zu durchbrechen“, so Naumann weiter. Das Ziel der Immunonkologie sei es, eine fehlende Immunantwort auf Krebszellen künstlich zu erzeugen. Hierfür gebe es verschiedene Möglichkeiten.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Checkpoint-Inhibitoren (CPI) oder Checkpoint-Hemmer. Diese Klasse von Medikamenten wird bereits bei zahlreichen Tumorarten eingesetzt wie schwarzem Hautkrebs, Harnblasen- und Nierenkrebs, bestimmten Formen von Lungenkrebs oder auch Gebärmutterkrebs und Lymphdrüsenkrebs. Checkpoints sind Kontrollpunkte im Immunsystem, die dazu dienen, die Immunantwort zu stoppen. Diese speziellen „Bremsen“ verhindern, dass das Immunsystem zu stark reagiert und gesunde Zellen angreift. Manche Krebszellen nutzen diese Bremsen, um sich zu verstecken. Sie signalisieren dem Immunsystem: „Hier ist alles in Ordnung, greif mich nicht an.“ Checkpoint-Hemmer blockieren diese Bremsen und verhindern, dass die Krebszellen das Immunsystem täuschen. Dadurch können die Abwehrzellen, vor allem die T-Lymphozyten wieder aktiv werden und gezielt Tumorzellen erkennen und bekämpfen. Naumann wies jedoch darauf hin: „Checkpoint-Hemmer können sehr wirksam gegen Krebs sein, wirken aber nicht bei allen Betroffenen. Zeigt sich jedoch eine Wirkung, kann diese lange anhalten.“ Bei den Medikamenten handelt es sich um künstliche Antikörper, die intravenös alle zwei bis drei Wochen verabreicht werden. „Checkpoint-Hemmer wirken zwar gezielt, können aber Nebenwirkungen haben, die sogenannten Autoimmunerkrankungen ähnlich sind. Die Nebenwirkungen können prinzipiell alle Organe betreffen. Am häufigsten sind es die Haut, der Darm und die Leber. Es können auch Funktionsstörungen der Schilddrüse, das heißt eine Über- oder eine Unterfunktion der Schilddrüse, auftreten.“ Daher ist eine engmaschige Kontrolle der Patienten besonders wichtig.
Neben Checkpoint-Hemmern gibt es auch andere immunonkologische Methoden wie die Behandlung mit sogenannten bispezifischen Antikörpern. Die bispezifischen Antikörper wirken, indem sie zwei verschiedene Moleküle gleichzeitig binden, typischerweise eine Krebszelle und eine Immunzelle wie die T-Zelle. Diese Brückenbildung bringt die T-Zelle direkt zur Tumorzelle und ermöglicht es der T-Zelle, die Krebszelle gezielt anzugreifen und zu zerstören. Eine Weiterentwicklung sind die sogenannten trispezifischen Antikörper, diese werden bereits in klinischen Studien geprüft.
Die derzeit aufwendigste und zugleich teuerste immunonkologischen Therapie ist die Behandlung mit sogenannten CAR-T-Zellen. Hierbei werden die Immunzellen eines Patienten (T-Zellen) im Labor genetisch verändert, damit sie die Krebszellen besser erkennen und angreifen.
Immunonkologische Therapien wurden anfänglich überwiegend dann angewendet, wenn herkömmliche Behandlungen wie Chemotherapie oder Bestrahlung nicht mehr ausreichend gewirkt haben. Inzwischen werden immunonkologische Behandlungen häufig mit Chemotherapien kombiniert, dies kann vor einer Operation (neoadjuvant), aber auch nach einer Operation oder nach einer Strahlentherapie (adjuvant) erfolgen. „Einige Patienten sprechen sehr gut auf diese Behandlungsform an und bleiben über Jahre beschwerdefrei“, berichtet der Mediziner. Die Verträglichkeit ist oft besser als bei einer klassischen Chemotherapie.
Insgesamt bietet die Immunonkologie eine vielversprechende Möglichkeit, Krebs auf eine neue Weise zu bekämpfen, indem sie das natürliche Abwehrsystem des Körpers stärkt und gezielt gegen Tumorzellen einsetzt. Mit Blick in die Zukunft hob Prof. Naumann die zunehmende Bedeutung der Präzisionsonkologie hervor. „Es wird bei fortgeschrittenem Krebs nicht mehr entscheidend sein, wo der Tumor ursprünglich gewachsen ist, sondern, welche molekularen Eigenschaften er besitzt. Nicht jeder Patient bekommt dann die gleiche Therapie, sondern die, die am besten zu seinem Tumor passt.“
