Ev. Hospiz Siegerland

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Patricia L.


Das Telefon klingelt im zehnminütigen Rhythmus. Nur die Sprache der Telefonpartner wechselt. Mal deutsch, mal italienisch, dann wieder deutsch. Patricia L. sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett im Ev. Hospiz Siegerland und vertröstet die Anrufer. „Später habe ich mehr Zeit.“ Aus den Vasen im Zimmer ragen Blüten in satten Farben empor. So lebensfroh wie die tiefroten Wangen von Patricia L. Dabei ist die 44-Jährige todkrank. Cortison verleiht ihrem Gesicht den lebendigen Ausdruck. Die Chemotherapie ist eingestellt – und hinterlässt inzwischen kein äußeres Indiz mehr.

Das wahrscheinlich letzte Kapitel in einem bewegenden und doch eher kurzen Leben begann vor einem Jahr in Italien. Zwei Jahrzehnte lebte Patricia L. dort. An der toskanischen Küste, wo andere Menschen ihren Urlaub verbringen. Sie jobbte in Hotels, führte Gruppen durch Marmorbrüche, dolmetschte. Und sie bezog ihr eigenes Haus in der Toskana. Mit malerischem Blick über eine Landschaft, die besagte andere nur 14 Tage im Jahr genießen.
In eben dieser Umgebung erfuhr Patricia L. von ihrem Schicksal. Die Ärzte diagnostizierten Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium und operierten. Doch der Krebs hatte seine todbringende Kraft schon entfaltet und das Lymphsystem erfasst. Therapien scheiterten. Patricia L. musste spüren, wie ihr Körper auf das wirksamste Präparat allergisch reagierte. Die Dominosteine der Hoffnung fielen. Sie entschied sich, nach Deutschland zurückzukehren. Zurück zu ihrer elfjährigen Tochter, die bei den Großeltern lebt seit die Mutter von ihrer Krankheit erfuhr. Für Patricia L. entpuppten sich die Krankenhaus-Aufenthalte als eine Einbahnstraße, an deren Ende das Ev. Hospiz steht.

Patricia L. schaut aus dem Fenster. „Ich bin hier nicht, um zu sterben.“ Sie schiebt die Tür zur Terrasse auf und zündet sich eine Zigarette an. „Ich bin hier, um glückliche Momente zu erleben.“ Sie schwärmt vom Hospiz. Es sei ein warmer, sicherer Ort mit „Postkartenblick“ auf Wald und Wiese. Vormittags genießt Patricia L. ihr Frühstück, nachmittags die intensive Begegnung mit ihrer Tochter. „Es gibt keinen passenderen Rahmen, um sich zu verabschieden. Hier im Hospiz ist meine Heimat“, schlussfolgert sie. Sie drückt die Kippe aus, setzt anschließend die Sauerstoffbrille auf und hustet heftig. Sie beklagt diffuse Schmerzen im Bauchraum und am Rücken. Doch die Kraft ihrer Worte täuscht über die Krankheit und deren Stadium hinweg. „Für mich ist das kein Moment des Abschieds, sondern ein Weg des Abschieds.“ Patricia L. freut sich, wenn sie morgens die Augen aufschlägt. Sie fühlt Frieden und spürt, wie ihre seelischen Belastungen schwinden. Viel mehr leidet sie mit den Menschen, die ihr nahe stehen. „Ich möchte nicht mit ihnen tauschen und ein solches Gefühl der Hilflosigkeit erleben.“

Ihre Tochter fragt beständig, ob die Mutter ihr Schutzengel werde. Patricia L. zögert, wenn sie diese Frage hört: „Ich glaube ja.“ Sie wird nachdenklich, als sie darüber spricht. „Meine Tochter ist das Ziel meines Handelns. Für sie bin ich zurück nach Deutschland gekommen.“ Die Elfjährige wird weiterhin bei den Großeltern wohnen und einem Menschen nahe sein, der Patricia L. stets fern war. Sie atmet tief und hustet erneut. „Ich möchte Frieden schließen mit diesem Menschen.“ Das sagt sie mit Entschlossenheit, obgleich es ihr schwer fällt. Denn die Kluft zwischen den beiden hat sich auch im Hospiz nicht überwinden lassen. Und doch soll der Adressat endlich erfahren: „Ich bin froh, dass meine Tochter bei dir ist.“

Patricia L. steht wieder auf der Terrasse, schiebt wieder einen Glimmstängel in den Mund. Sie schaut auf die roten Rosen in der Vase am Boden. „Ich bin so froh, hier zu sein. Ich werde professionell gepflegt und betreut.“ Sie finde Ruhe im Hospiz, sagt sie. Obwohl jedes Telefongespräch klingt wie ein Refrain. Und obwohl sich sorgende Besucher die Hospizklinke in die Hand geben. Auch aus der Toskana haben sich Freunde angekündigt.

Im Zimmer brennen Kerzen. Patricia L. erzählt von Italien. Dass Kerzen dort nur an Weihnachten oder bei Trauer angezündet werden. Aber sie liebt Kerzen zu jeder Jahreszeit. Sie liest auch gern, was ihr zunehmend schwerer fällt. Zwei, drei Zeilen in Folge schafft sie noch. Es wird weniger. Ihre Lebenserwartung vermag kein Mediziner zu kalkulieren. Sie selbst wirkt bei der Frage nüchtern, keineswegs sentimental: „Ich habe eine Prognose: Weihnachten werde ich nicht mehr erleben.“ Ein Tag, an dem auch in Italien die Kerzen brennen.